In der regionalen Presse sind folgende Beiträge erschienen:
Neue Bestattungskultur
Das Keramikatelier liegt in einem idyllischen Hinterhof des Freiburger Stadteils Wiehre. Ein lauschiges Fleckchen, liebevoll mit Blumen bepflanzt. Eine Oase der Ruhe, obwohl die Schwarzwaldstraße gerade um die Ecke liegt. Ein ideales kreatives Umfeld für die Kunsthandwerkerin Ulla Maier. In ihrer Werkstatt entstehen liebevoll mit Blatt- und Blütenmotiven dekoriertes Gebrauchsgeschirr, Vasen und kleine Skulpturen. Eine besondere Spezialität der Keramikerin sind allerdings Gefäße, die man in einer Töpferei nicht vermutet: künstlerisch gestaltete Urnen in zeitgemäßem Design.
Die Anregung zu diesem Thema kam von einem Bestattungsunternehmer, der die Kunsthandwerkerin gezielt danach fragte. Für Ulla Maier war dies die Initialzündung. Viele Jahre hatte sie sich bereits mit vor- und frühgeschichtlichen keramischen Gefäßen und deren Dekorationstechniken auseinandergesetzt. Ein großer Teil dieser Gefäße dienten nicht nur dem täglichen Gebrauch, sondern kultischen Zwecken. Unter anderem zur Bestattung.
Eine ganze bronzezeitliche Kultur, die Urnenfelderkultur, war nach dieser Bestattungsform benannt worden. Fasziniert war die Keramikerin vor allem von der klaren Formensprache dieser frühen Gefäße, die sie schon immer zu der unterschiedlichsten Gestaltung von Vasen und Behältern angeregt hatte.
Warum sollte sie nicht ebenfalls Urnen nach klassischem Vorbild anfertigen und diese zeitgemäß verändern? Bis die Idee ausgereift und ein Typus entwickelt wurde, der ihren künstlerischen Ansprüchen und formalen Kriterien entsprach, verging fast ein Jahr. Das Ergebnis ist ein klassischer etwa 28 cm hoher Urnenkorpus mit Deckel, der die für Bestattungen üblichen Innenkapseln umfaßt. Als Material stehen bei 1250° C gebranntes Steinzeug in elegantem Cremeton oder rauchigem Blau zur Verfügung. Wahlweise ist auch ein Gefäßtyp in Terrakotta erhältlich, der mit Ölfirnis getränkt, dann mit wohlriechenden natürlichen Wachsen versiegelt und von Hand poliert wird.
Zu individuellen Einzelstücken werden die Urnen durch ein aufwändiges Ritzdekor. Ulla Maier gestaltet in dieser Technik traditionelle Motive wie Mäander und andere Bandornamente, Symbole des Lebenskreislaufs. Beliebt ist auch das Motiv der auf- und untergehenden Sonne. In vielen Kulturkreisen steht es für die Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod und spendet den Angehörigen Trost.
Durch eine feine Goldbemalung werden diese filigranen Ritzornamente noch besonders hervorgehoben. Einzelanfertigungen nach speziellen Kundenwünschen – wie z. B. eine individuelle Symbolik, persönliche Initiale oder Familienwappen – können innerhalb von drei Wochen angefertigt werden.
Die Unikate sind direkt im Keramikatelier, Nägeleseestraße 15, 79102 Freiburg, Tel.: 0761/7079076 und in ausgesuchten ortsansässigen Bestattungshäusern erhältlich.
I. H.
Quelle: Dreisamtäler Bote
Gedanken zum Tod und einer neuen Bestattungskultur in Deutschland
Ein Beitrag von Ulla Maier* und Ute Bales*
„Den Tod kann ich absolut nicht ausstehen. Ist es nicht merkwürdig, ein ganzes Leben zu leben, als existiere er überhaupt nicht. Dieses Gewöhnlichste und Beständigste. Indessen verhielt ich mich zu ihm, als ob niemand und nichts sterben solle. Als ob es keinen Tod gäbe.. Natürlich habe ich ihn gesehen: das aber bedeutet, dass ich die Sterbenden nicht angesehen habe....“ Wassili Rosanow, Abgefallene Blätter
In unserer heutigen Gesellschaft wird der Tod beinahe als unnormal angesehen, das ist neu. Tod zu sein ist eine unvorstellbare Anomalie, alle anderen sind im Vergleich dazu relativ harmlos. In der abendländischen Tradition ist das Sein das Gute, das Nichtsein das Schlechte, der Tod der Schrecken aller Schrecken... Der Tod radiert uns aus. Wer tot ist, ist weg – auf alle Fälle nicht mehr hier.
Was den Hinterbliebenen bleibt, sind Spuren, Erinnerungen, Vermächtnisse. Der Tod wird verdrängt und diese Verdrängung ist insofern gesellschaftlich, dass sich eine Wende hin zum „Hier und Jetzt“ zum „Was zählt, ist jetzt“ vollzieht. „ Aber nach der Maxime „Vom Sinn zum Fun“ hat die Unterhaltungsgesellschaft auch schon längst ihre Kompensationsprogramme produziert: die primitivsten und zugleich effektivsten Sinnprothesen, die je hergestellt wurden. Noch wo sie ihre Mitglieder idiotisiert, vermittelt sie ihnen die frohe Botschaft, das es eine Lust zu leben sei... Die ...... Bedeutung der allgegenwärtigen Reklame etwa ist es, ..... das Leben zum Billigpreis als Spaß auszuschreien“. (Lutger Lütkehaus, Nichts, Zürich 1999, S. 23/24)
Der Tod war und ist in unserem Verständnis ein Übel. Das Leben ist heilig... Auch ohne religiösen Glauben hat man diese tiefe Überzeugung. In einer Konsumgesellschaft, die dahin tendiert, alles „Negative“ bannen zu wollen, wird der Tod beinahe untolerierbar. Das Leben sozusagen als Konsumgut, der Tod eine Begrenzung des Konsums.
Der Tod müsste wenigstens als gesellschaftlicher Service gesichert werden können, so wie Gesundheit und Krankheit im Bereich der Sozialversicherung integriert werden. In den USA bieten sogenannte „Selbstmord-Motels“ Service für den Fall eines Falles, in der Schweiz betreibt man aktive Sterbehilfe, allerdings innerhalb bestimmter Grenzen.
Bei uns strebt man die Ausdehnung des Lebens um des Lebens willen an. Künstliche Lebensverlängerung durch Organverpflanzungen, Wiederbelebungen, Verlängerung des Todeskampfes um jeden Preis... So wie die Moral vorschreibt „Du darfst nicht töten“, suggeriert unsere Kultur „Du darfst nicht sterben“– ganz egal wie mühsam das ist. Wenn doch, dann nur, wenn die medizinische Technik am Ende ist oder wenn man zur ärmeren Gesellschaftssicht gehört.
Unser Gesellschaft gaukelt gewisse Sicherheiten gegen den Tod systematisch vor. Ganze Industrien leben von Sicherheitspaketen, Lebensversicherungen, Krankenversicherungen, Sicherheitsgurten, Arbeitsplatzsicherung, medizinischer Sicherheit, Impfungen, Sicherheitshygiene, Geburtenregelung etc... Das Sicherheitsbedürfnis ist immens und die Massen scheinen bedürftig. (Demnach bleibt der Tod der einzig wirkliche Gegner, der noch zu bekämpfen wäre.)
Man stirbt in der Regel schon lange nicht mehr zuhause, im Kreise der Vertrauten, sondern im Krankenhaus. Aus einer Menge von guten – medizinischen – Gründen, aber auch, weil der – meist kranke - Körper in einen funktionalen Raum gebracht werden muss, wo Krankheit und Tod mehr oder weniger neutralisiert werden.
Wir haben den Tod weitgehend desozialisiert und verstehen ihn als individuelles Schicksal. „Primitiven“ Kulturen ist dagegen bewusst, dass der Tod, ähnlich wie Naturereignisse, in einem ganzheitlichen und gesellschaftlichen Verhältnis steht.
Der Tod als individuelle menschliche Bedingung existiert erst, seit er bedrohlich und angsteinflößend wurde. Die Institution des Todes hat sich insbesondere die Kirche als Machtinstrument zunutze gemacht.
Sie verbreitet eine konkrete Vorstellung vom Jenseits, bewacht die Trennung von Diesseits und Jenseits, von „Erden- und Himmelleben“. In der Offenbarung des Johannes findet die zitternde Menschheit nicht Zuflucht in einem überirdisch schönen, schwer vorstellbaren Paradies, sondern in einer festgemauerten Stadt im Himmlischen Jerusalem. Das ist das Gegenbild zum sündigen Babylon, das untergeht. Eine wirkungsvolle Metapher, die bis heute unvergessen ist. Die Bilder vom Zorn Gottes entsprachen einer späteren Wirklichkeit, der des Mittelalters. Einer Welt, die erfüllt war von Pest, Krieg, Erdbeben und Kometen, Anbetung, Astrologie und Sterndeutung, Hexenglauben und Heiligenverehrung, asketischer Frömmigkeit. Der Tod also, ein geeignetes Mittel seitens der Kirche, den Ketzern und Sündern Schauer und Angst einzujagen...
Das Christentum lebt immer noch von der „aufgeschobenen“ Ewigkeit, von der Hoffnung auf direkte Erlösung und „unmittelbare Anschauung“ Gottes, aber sie hat es zunehmend schwer, sich damit durchzusetzen.
Trennung von Leben und Tod
Ein individualistisches und pessimistisches Denken des Todes existiert in unserem Kulturkreis schon lange. Bereits in vorchristlicher Zeit begann die „moderne“ Verinnerlichung der Todesangst. Der Drang nach Erklärungen, Annahmen, Hypothesen, die Frage nach dem Sinn und Zweck war immer vorhanden.
Auch die Hoffnung auf ein Weiterleben nach den Tode hat es immer gegeben. Bei Graböffnungen der Steinzeitkulturen zeigte sich, dass die damaligen Menschen ihren Toten Beigaben und Wegzehrung mitgaben für einen eventuell langen weiteren Weg ...
Die Grabbeigaben der ägyptischen Pharaonen waren weitaus aufwändiger und wertvoller, aber auch sie zeugen davon, dass sich die Menschen ein Leben nach den Tod erhofften. Die Idee vom Weiterleben variiert, je nach Kulturkreis, bis hin zur Inkarnation. Demokrit (460 – 371 v. Chr.) lehrte, dass wenn ein Mensch stirbt, die Seelenatome in alle Richtungen davon wirbeln und wieder Teil von neuen Seelenformationen werden ...
Selbst Platon glaubte (427 - 347), dass alles, was Teil der materiellen Welt ist, aus einem Material besteht, das vergänglich ist. Aber gleichzeitig ist alles nach einer zeitlosen Form gebildet, die ewig und unveränderlich ist. Philosophen, Forscher, Psychologen – ja selbst Mathematiker - haben, bis hin zur Idee einer natürlichen Vernünftigkeit des Todes, immer wieder auch nach einer durch Wissenschaft und Aufklärung gestützten Wahrheit gesucht. Tröstlich vielleicht was uns Heidegger (gest. 1976) zu sagen hat. Seiner Ansicht nach ist der Mensch kein Wesen, das seinen Tod als Unglück sehen darf.
Der Tod ist für den Menschen keine Überraschung oder etwas, dem man aus dem Weg gehen sollte. Der Tod selbst gründet sich auf die Tyrannei der Zeit, einer Macht, der niemand entgehen kann. Kein Teil des menschlichen Wesens steht über oder außerhalb der Zeit. Der Mensch ist identisch mit seiner gegenwärtigen Zeit. Das Wesen des Menschen ist flüchtig und vergänglich, zeitlich begrenzt.
Unsere heutige Kultur unternimmt immense Anstrengungen, Leben und Tod voneinander zu trennen. Den Tod abschaffen, das ist unser Traum: Leben in Jugend, Reichtum und Schönheit, Produktivität in der Wirtschaft. Das Leben als Häufung der guten und erstrebenswerten Dinge, dagegen der Tod als Zahltag irgendwann, weit weg ...
Den Menschen scheint viel daran gelegen, auf Dauer präsent zu sein und vor allem: Es sollte niemals so sein, als ob wir nicht existiert hätten. Ein sinnvolles Leben hinterlässt Spuren. Nur, welche Art von Spur ist wichtig, welche unwichtig? Hinzu kommt die ebenso tief sitzende Angst, alles zu verlieren, alles was so mühsam im Leben aufgebaut wurde, die Kinder, Familie und Freunde, das Wissen vielleicht und der Besitz.
Es ist von entscheidender Bedeutung für unsere Kultur, zu glauben, dass der Tod „plötzlich und unerwartet komme...“. Die meisten anderen Kulturen gehen davon aus, dass der Tod vor dem Tode beginnt, dass das Leben nach dem Leben weitergeht und dass es unmöglich ist, das Leben vom Tod zu trennen.
Der Tod ist also nicht ein entscheidender Tag im Leben, er ist lediglich eine Nuance des Lebens. Unsere Vorstellung entspringt hier der allgemeinen Vorstellung des Funktionierens. Eine Maschine funktioniert oder sie funktioniert nicht, ergo ist die Maschine heil oder kaputt, lebendig oder tot. So eindeutig ist es bei Lebewesen allerdings nicht. Selbst die Biologen räumen ein, dass man ab der Geburt zu sterben beginnt (Auszug aus einer Werbung für Kosmetik: bereits mit „25“ beginnt ihre Haut zu altern ...).
Vielleicht tauscht sich der Tod auch nur mit dem Leben aus und stellt insofern einen Wendepunkt dar? Jedenfalls ist es absurd, aus dem Leben einen Vorgang zu machen, der durch den Tod entschieden wird. Das hieße, den Tod einem Defizit oder Verlust gleichzusetzen. Der Tod ein Aspekt des Lebens also? Oder Tod und Leben als zwei mögliche Zustände einer Person, die eventuell k(einem) bestimmten Zweck untergeordnet werden können. Unser Denken ist bestimmt vom Evolutionsdenken, das besagt, dass wir vom Leben zum Tod gehen. Ganze Bereiche unseres Körpers verändern sich beständig (Ausdruck, Gesicht, Beweglichkeit etc.), und verfallen von Anfang an. Man könnte sogar annehmen, dass dieser Zyklus durch den Tod angetrieben wird und endlos weitergeht. Ein großer Schritt, im Hinblick auf ein verlängertes Leben, wäre es natürlich, diesen überall im Leben vorhandenen Tod zu bannen und auch lokalisieren zu können.
Der Tod ist aber für die moderne Rationalität bisher ein Paradox, weil er so schwer als „natürlich“ zu begreifen ist. Natürlich ist er nur, wenn er am Ende eines langen Lebens – vielleicht nach schwerer Krankheit - eintritt. In unseren Tagen ist es beinahe banal „natürlich“ zu sterben. Diese Art von Tod empfinden wir als sinnlos, weil niemand daran einen Anteil hat. Deshalb steht auch kein kollektives Freud- und Leid-Erlebnis dahinter. Und: wer möchte schon an Verschleiß sterben? Viel besser also ein spektakulärer, gewaltsamer, zufälliger Tod, eines spektakulären Menschens. Das füllt die Zeitschriften, fasziniert und berührt die Vorstellungskraft. Was daran so faszinierend ist, ist die Künstlichkeit des Todes. So ein Tod ist dramatisch, oft beabsichtigt, also interessant und: der beabsichtigte Tod hat einen Sinn. Diese Art des Sterbens provoziert ähnlich wie jedes Verbrechen, oft eine allseits bekannte klammheimliche und obszöne Freude, die man in der Öffentlichkeit natürlich nicht aussprechen darf.
Jedem Tod geht das Leben als Akkumulationsprozess voraus, meist mit dem Wunsch, es solange wie möglich hinauszuschieben. Technik und Wissenschaften sind erstaunliche Erfolge gelungen, Leben zu verlängern. Seit dies machbar ist, soll es für jeden möglich sein, bis zur Grenze seines biologischen Potentials zu gelangen und sein Leben in vollen Zügen zu genießen.
Es scheint manchmal, als ob jeder glaube, einen kleinen Vertrag in der Tasche zu haben... Durch die Errungenschaften in Medizin und Technik werden die Wissenschaften mitverantwortlich für den Tod eines jeden Menschen. Geburten werden zeitlich geplant, Leben wird künstlich verlängert / erhalten. Das hat zur Folge, dass jeder seines Todes enteignet ist, es ist kaum noch möglich zu sterben, wann und wie man es sich wünscht.
Begegnung mit dem Tod
Schwer ist es, dem Tod zu begegnen. Wir haben nicht mehr die Erfahrung des Todes von anderen. Auf unseren Bildschirmen sterben allabendlich etwa 200 Personen an Unfällen, Flugzeugabstürzen, Zugentgleisungen, pro Krimi zählt man durchschnittlich 3 Tote.
Diese Art von Toderleben hat nichts mit Todeserfahrung zu tun. Die meisten Menschen haben nicht einmal mehr Gelegenheit, jemanden sterben zu sehen. In anderen Gesellschaftsformen wäre das undenkbar. Die Priester und die letzte Ölung sind noch die verbliebenen Überreste der Gemeinschaftlichkeit des Sprechens über den Tod. Aber auch diese Tradition nimmt zunehmend ab. Im günstigsten Fall lässt man dem Sterbenden Raum, sich mitzuteilen. Aber diese Anerkennung erfordert eine Veränderung des Krankenhaussystems und in gewisser Weise auch der Gesellschaftsstruktur.
Hierzulande scheint sich derzeit der Totenkult zu verändern. Es gibt eine Verjährung der Gräber und keine ewigen Grabstätten mehr. Die Totenfeiern werden kürzer, sind oft nur noch Gedenkminuten.
Man fasst sich kurz. Ein kurzer Abschied. Oder umgekehrt – üppige Arrangements zu Ehren der Toten, aber auch zur Selbstdarstellung der Hinterbliebenen. Man hat den Eindruck, daß bei den Beisetzungszeremonien viel psychologisches Taktieren im Spiel ist.
Die Angehörigen haben oft das Gefühl, noch mal Liebe und Achtung vor dem Toten demonstrieren zu können, Versäumtes soll dadurch ausgebügelt, das möglicherweise schlechte Gewissen beruhigt werden. Mit wirklicher Sterbe- und Bestattungskultur hat dies nicht immer etwas zu tun.
Vor diesem Hintergrund und insbesondere unter dem Aspekt der zunehmenden Beschleunigung unseres Lebens macht es Sinn, sich über Beständigkeit und Werte neue Gedanken zu machen.
Der Tod – das ist ein Teil Natur, und er sollte wie selbstverständlich zum Leben gehören. Statt dessen: Über ihn sprechen, heißt ein Tabu berühren. Das ist die krause psychische Befindlichkeit unserer Gesellschaft. Aber: „Media vita in morte sumus“, mitten im Leben sind wir vom Tod umgeben. Es wird Zeit, sich diese Wahrheit in unserer diesseitsorientierten Welt in Erinnerung zu rufen. Möglicherweise stehen wir insgesamt wieder vor einem Umbruch in der Bestattungskultur.
Geschichte der Feuerbestattung
„O weiser Brauch der Alten, das Vollkomm’ne/
Das ernst und langsam die Natur geknüpft,/
Des Menschenbild’s erhab‘ne Würde, gleich/
Wenn sich der Geist der wirkende, getrennt,/
Durch reiner Flammen Thätigkeit zu lösen!“
(Goethe)
Die Einäscherung Verstorbener hat innerhalb der europäischen Kulturgeschichte eine lange Tradition. Wie bei sämtlichen Begräbnisriten geht es auch hier darum, den Übergang des Verstorbenen in seine neue Daseinsform in dieser jenseitigen Welt zu begleiten. Das Feuer, entscheidendes Element bei der Einäscherung, gilt – ähnlich wie das Wasser - bei vielen Kulturvölkern als Medium der Verbindung mit dem Jenseits.
Immer mehr Menschen wählen daher die Feuerbestattung als die ihnen gemäße würdigste Bestattungsform. Der Unterschied zur Sargbestattung besteht lediglich darin, das vor der Beisetzung der Körper in Asche umgewandelt wird.
Bereits in der letzten Epoche der Steinzeit breitete sich die Feuerbestattung nach Nordeuropa aus. Anfang der Bronzezeit wurden bereits auf den britischen Inseln und in Südeuropa Feuerbestattungen vorgenommen.
Gegen Ende der Eisenzeit, etwa 100 v.Chr., war diese Bestattungsform auch ein wesentlicher Bestandteil der griechischen Bestattungskultur, die später auch von den Römern übernommen wurde. Pompeijus, Cäsar und Augustus ließen sich einäschern.
Ab etwa 400 n. Chr. wurde im Zuge der Christianisierung die Erdbestattung bevorzugt, die im Laufe der Zeit die Einäscherung fast gänzlich ersetzte. 768 wurde das Verbrennen der Leichen von der Kirche als heidnischer Brauch verboten. Vom Mittelalter bis zum Beginn der Moderne war sie als Beisetzungsform verpönt.
Gegen Ende des Mittelalters bis hinein ins 17 Jh. fanden sich, hervorgerufen durch soziale und hygienische Missstände, zahlreiche Bestrebungen einer Wiedereinführung der Feuerbestattung. Besonders ab dem 17. Jh. suchte man nach neuen Wegen und Überzeugungen, für die auch die Form der Feuerbestattungen adäquat schien. Diese Haltung setzte sich im aufkommenden Industriezeitalter fort.
Das rapide Bevölkerungswachstum und die enormen hygienischen Probleme, besonders in den Städten, förderten das Interesse an einer „neuen“ Bestattungsart, die hygienisch, raumsparend und preiswert sein sollte. An dieser Stelle sind Technik und Kultur eine spannungsreiche Beziehung eingegangen, die gesellschaftlich allerdings noch nicht verarbeitet wurde.
Bei den orthodoxen Juden und Moslems ist die Einäscherung verboten. Dagegen bei Hindus und Buddhisten eine übliche Methode.
Die Haltung der Kirchen zur Feuerbestattung ist durch die Überzeugung bestimmt, daß es Pflicht und Aufgabe der Kirche ist, den durch christliche Sitte geheiligten und mit dem christlichen Gefühl eng zusammenhängenden Brauch der Erdbestattung zu wahren. Trotz des Widerstandes der Kirchen öffneten engagierte Bestattungsvereine Krematorien: Um 1910 gab es 20 in Deutschland, Anfang der 30er Jahre bereits 100 dieser Einrichtungen.
Dieser Trend hat sich bis heute fortgesetzt, mit einem allerdings deutlichen regionalen und einem Stadt-Land-Gefälle. In den Orten, wo man mit Feuerbestattungen begann, wie Gotha, liegt die Quote bei 90%, in Regensburg bei ca. 30%. Die Städte der ehemaligen DDR liegen deutlich über dem Durchschnitt, denn der Staat hatte diese Form der Bestattung gefördert. Vorwiegend katholische Regionen weisen niedrige Einäscherungsquoten auf. Die evangelische Kirche überlässt die Entscheidung ihren Geistlichen, die katholische Kirche akzeptiert seit 1963 die Feuerbestattung, solange der Entscheidung keine antireligiösen Tendenzen zugrunde liegen. Die Zahl der Feuersbestattungen nimmt derzeit stetig zu. Von insgesamt 860389 Verstorbenen im Jahr 1999 wurden 338000 eingeäschert., d.h. 38,8%. 1996 betrug der Anteil 37,8%.
Neue Orte des Abschieds
Der Verstorbene muss die diesseitige Welt verlassen und in das Jenseits eingehen. Dazu bedarf es eines Ortes, an dem dieser Übergang möglich ist ...
Das Krematorium vereint heute wichtige Etappen der Bestattung in einem einzigen Gebäude. Es ist der Verwahrungsort für die Verstorbenen, Ort der Trauerfeier und der Verbrennung. George Bernard Shaw ließ sich von der Einäscherung seiner Mutter zu folgenden Worten inspirieren: “Die Leute haben Angst, sich das anzusehen; aber es ist wundervoll...keine Hitze, kein Geräusch, keine Flamme, kein Brennmaterial. Es sah kühl, sauber und sonnig aus. Man hätte hineinspazieren oder die Hand hineinstrecken mögen, ohne sich etwas dabei zu denken...“
Die heutigen Krematorien sind neuartige, kollektive Orte des Gedächtnisses und der Kommunikation. Hier manifestiert sich vielleicht auch ein „neuer Ort“ des Abschieds. In benachbarten Ländern sind Krematorien keine „Tabuzonen“ wie bei uns, sondern feste Einrichtungen einer Gemeinschaft.
Da der Begriff Krematorium hierzulande historisch stark belastet ist, wird derzeit über eine Umbenennung in den sinnbildlichen Begriff Flammarium diskutiert.
In den Nachbarländern ist teilweise das private Verstreuen der Asche erlaubt – ohne den bei uns herrschenden Friedhofszwang. Das öffnet den Raum für neue Möglichkeiten. In der Schweiz gibt es sogenannte „Friedwälder“, landschaftlich schön gelegene Anlagen, in denen man die Asche mittels einer Röhre in einem bestimmten, zuvor gekauften und dann im Friedwald gepflanzten Baum einlassen kann.
Eine andere Form der Naturbestattung wird im Freiburgerland auf der Alp Spielmannda praktiziert. Dort wird die Asche im Mittelteil der Alp, die von Alpenrosen bewachsen ist, beigesetzt und anschließend der Natur überlassen... Bei uns ist das Verstreuen der Asche noch nicht möglich, dennoch löst sich die Trauerkultur von alten Fesseln. Sie schafft sich neue Orte, neue Ausdrucksformen, die oft individueller, persönlicher und verbundener sind mit dem, was im Leben des Verstorbenen tragend war. Heute sind diese Ausdrucksformen individueller, oft persönlicher und verbunden mit dem, was vielleicht im Leben des Verstorbenen tragend war. Ähnlich vollzieht sich ein Wandel in der Gräbergestaltung, die sich besonders in den Städten immer mehr auf den Toten und sein Lebenswerk bezieht. Auch andere Kulturen sorgen für eine Auflockerung. So ist in Hamburg durch den Einfluss der moslemischen Bevölkerung seit 1998 der Sargzwang aufgehoben worden.
Im Zuge dieser Entwicklung ist es nur folgerichtig, daß sich Bestattungsinstitute einer immer individueller werdenden Bestattungskultur öffnen müssen. Der genormte Bestattungsbedarf offeriert kaum Entfaltungsmöglichkeiten. Wer möchte seine Verstorbenen schon in einer genormten Metallurne mit Pressnaht verwahrt wissen? Die Nachfrage nach handgefertigten Unikaten, besonders bei Urnen, steigt stetig an.
Künstlerische Gefäße aus Ton, Holz oder anderen Materialien werden gewünscht, die mit persönlichen Gravuren, Symbolen, Schriftzeichen, Bemalung oder Initialen ausgeschmückt werden können. Eine der wenigen Urnenmanufakturen in Deutschland befindet sich in Freiburg i. Brsg., und zeigt durch die Auseinandersetzung mit früheren Bestattungsriten
Wege zu einer neuen Sterbe- und Bestattungskultur.
Das Keramikatelier von Ulla Maier liegt in einem idyllischen Hinterhof des Freiburger Stadtteils Wiehre. Eine Oase der Ruhe, liebevoll mit Blumen bepflanzt, der idelae Platz zum kreativen Gestalten. In der Werkstatt von Ulla Maier entstehen mit Blatt- und Blütenmotiven dekoriertes Gebrauchsgeschirr, mit Tiersymbolik geschmückte Vasen, kleine Skulpturen und Figuren, die anmuten wie römische oder keltische Funde aus dem Museum. Eine Besonderheit der Keramikerin sind allerdings Gefäße, die man in einer Töpferei nicht unbedingt vermutet: künstlerisch gestaltete Urnen, nach traditionellen antiken Gefäßen gearbeitet.
Als Ulla Maier vor Jahren von einem Bestattungsunternehmen nach getöpferten Urnen gefragt wurde, war dies der Beginn einer Fabrikation von Gefäßen, an der Ulla Maier schon lange arbeitete. Viele Jahre hatte sie sich bereits mit frühgeschichtlichen keramischen Gefäßen und deren Dekorationstechniken befasst. Daß ein großer Teil dieser Gefäße kultischen Zwecken und auch zur Bestattung diente, war daran besonders faszinierend. Eine ganze bronzezeitliche Kultur, die Urnenfelderkultur war nach dieser Bestattungsform benannt worden. Angesprochen hat die Keramikerin vor allem die klare Formensprache dieser frühen Gefäße, die sie schon immer zu unterschiedlichsten Gestaltung von Tonobjekten angeregt hatte. Warum sollte sie nicht ebenso Urnen nach klassischem Vorbild anfertigen und diese zeitgemäß verändern? Bis die Idee ausgereift und ein Typus entwickelt wurde, der ihren künstlerischen Ansprüchen und auch den formalen Kriterien entsprach, verging fast ein Jahr. Das Ergebnis ist beeindruckend: ein klassischer, etwa 28 cm hoher Urnenkorpus mit Deckel, der die für die Bestattung üblichen Innenkapseln umfasst. Als Material stehen bei 1250°C gebranntes Steinzeug in verschiedenen Farben wie z.B. einem weichen Cremeton oder einem rauchigem Blau zur Verfügung. Wahlweise ist auch ein Gefäßtyp in Terrakotta erhältlich, der mit Ölfirnis getränkt, dann mit wohlriechenden natürlichen Wachsen versiegelt und von Hand poliert wird. Zu individuellen Einzelstücken werden die Urnen durch ein aufwändiges Ritzdekor. Ulla Maier gestaltet in dieser Technik traditionelle Motive wie Mäander und andere Bandornamente, Symbole des Lebenskreislaufs. Beliebt ist auch das Motiv der auf- und untergehenden Sonne. Es steht für die Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod und spendet den Angehörigen Trost. Durch eine feine Goldbemalung werden diese filigranen Ritzornamente noch besonders herbvorgehoben. Einzelanfertigungen nach speziellen Kundenwünschen – wie z.B. eine individuelle Symbolik, persönliche Initialen oder Familienwappen können innerhalb kurzer Zeit angefertigt werden. Alle Urnen sind mit farblich passenden Absenkschnüren versehen.
Der Anfang eines neuen Verständnisses? Ja und Nein. Diese Kultur hat bereits Jahrhunderte überdauert und wird nochmal viele Jahrhunderte dauern. Es ist eine Möglichkeit, die Verstorbenen zu bewahren, aufzuheben, versorgt zu wissen. Wer die Urnen gesehen hat, spürt das.
* Ulla Maier ist Kunsthandwerkerin und fertigt u. a. Urnen nach dem Vorbild traditioneller antiker Kultgefäße.
* Ute Bales ist freie Journalistin mit Schwerpunkt Kultur und Gesellschaft. Beide Autorinnen leben in Freiburg im Breisgau.
Quelle: Der Bestatter, Fachblatt des Dt. Bestattungsgewerbes 2001
